Interview Programmauswahl
Wie entscheiden, was gezeigt wird?
Über Kuration, Verantwortung und Perspektiven in der Freien Szene und beim FAVORITEN Festival 2026
Auf einen Open Call des Festivals gingen 400 Einsendungen ein, wovon 308 von Künstler*innen aus ganz NRW berücksichtigt werden konnten. In Zusammenarbeit mit dem Beirat – Khadidiatou Bangoura, Balindile ka Ngcobo, Thusnelda Marín Jungmann und Valerie Wehrens – entstand auf der Basis eines festgelegten Rating-System schließlich ein Programm mit 13 Produktionen. Tanzwissenschaftlerin und Kuratorin Johanna Kasperowitsch spricht mit dem Beirat und der künstlerischen Leitung Jonas Leifert und Rika Sakalak über die Herausforderungen, Lücken und Potenziale dieses Auswahlprozesses, die Zusammenarbeit in der Gruppe und die Frage, welche Haltungen sich im finalen Programm wiederfinden.
Johanna Kasperowitsch: Lasst uns zu Beginn über Entscheidungsstrukturen sprechen. Der Kooperationsprozess zwischen einer künstlerischen Leitung und einem Beirat im Festivalkontext ist keine neue Art der Entscheidungsfindung und Auswahl. Wie beurteilt ihr diese Struktur des Beirats generell, was die Transparenz der Prozesse, den Wissensaustausch und die Verantwortungsverteilung angeht?
Rika Sakalak: Von Anfang an hatten Jonas und ich das Gefühl, dass die Auswahl des gesamten Festivalprogramms nur durch uns zwei die Vielfalt in der Freien Szene nicht angemessen widerspiegeln würde. Daher war es uns wichtig, ein breiteres Spektrum an Perspektiven in die Kuration einzubeziehen. Das hat uns dazu gebracht, einen Beirat einzurichten. Um die Gruppe zusammenzustellen, baten wir um Empfehlungen aus der Szene und fragten Kolleg*innen, ob sie Personen vorschlagen könnten, deren Erfahrung und Herangehensweise unseren Auswahlprozess bereichern würden. So konnten wir eine Gruppe mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Verbindungen zur Szene zusammenbringen.
Thusnelda Marín Jungmann: Doch auch wenn man natürlich verschiedene Perspektiven versammelt, trifft man Entscheidungen immer aus der eigenen Weltsicht heraus. Deshalb fände ich es für zukünftige Kurationen interessant, eine Bürger*innen-Jury zumindest in einen Teil des Prozesses einzubeziehen, um eine größere Mehrperspektivität zu ermöglichen.
Jonas Leifert: Natürlich sind das auch alles Fragen von Ressourcen. Wir haben uns für die Arbeit mit professionellen Personen der Szene im Rahmen einer Beiratstätigkeit entschieden, weil wir eine Jurytätigkeit mit Bürger*innen im größeren Ausmaß nicht angemessen hätten vergüten können.
Valerie Wehrens: Von außen habe ich bisher vor allem die Entscheidungsmacht einer Jury oder eines Beirats wahrgenommen, aber inzwischen verstehe ich die enorme Menge an Arbeit und auch die Verantwortung dahinter besser. All das wird ja eher symbolisch bezahlt.
Khadidiatou Bangoura: Und letztendlich geht es aus meiner Sicht, was die Vision angeht, nicht so sehr darum, wie man den Kurationsprozess oder die Struktur ändern kann, sondern darum, wer daran beteiligt ist.
Johanna: Wer könnten diese Menschen sein, die die richtigen sind? Es gibt eine Vielzahl von Stimmen innerhalb der Gesellschaft, die beim Festival nicht vertreten sind, was die künstlerischen Arbeiten und das Team betrifft. Was würde es bewirken, wenn zum Beispiel eine Person mit sehr konservativen Ansichten Teil dieses Beirats wäre?
Jonas: In Bezug auf inhaltliche und ästhetische Entscheidungen mussten wir im Auswahlprozess sehr stark reflektieren, wer denn eigentlich im Kulturbereich welche Ressourcen hat. Und da haben Stücke, die in konservativeren Milieus anschlussfähig sind, oftmals ein finanziell potenteres Publikum als andere und damit oft auch andere Produktionsmöglichkeiten.
Valerie: Progressive Stimmen – oder sogenannte progressive Stimmen – sind natürlich fest in der Kunstszene verankert. Meiner Meinung nach gibt es dafür einen sehr guten Grund, wenn man sich das Ausmaß des rechten Aktivismus ansieht, das derzeit in unserer Gesellschaft spürbar ist. Gleichzeitig sehe ich Menschen außerhalb der Kunstszene, die mit ihrem Aktivismus viel mehr riskieren und beispielsweise versuchen, gegen faschistoide Tendenzen oder gegen den andauernden Genozid vorzugehen. Auch innerhalb der Kunst gibt es dieses Maß an Widerstand – und damit auch an Repression –, aber es war weniger radikal und eher selten. Es gab im Verlauf des Prozesses immer wieder Momente, in denen wir uns gefragt haben, wie wir das Festival positionieren sollen.
Khadidiatou: Für mich ist die Grundvoraussetzung für ein kompetentes Entscheidungsgremium, unabhängig von politischen Ansichten oder Zugehörigkeiten die Menschenrechte zu achten. Verschiedene Identitäten und verschiedene Lebensweisen zu akzeptieren und zu respektieren. Natürlich haben wir alle Voreingenommenheiten, Vorurteile und Stereotypen, die wir mit uns herumtragen und die unsere Ansichten irgendwie beeinflussen. Aber ich denke, dass wir in einem kompetenten Entscheidungsgremium Menschen brauchen, die sich ihrer eigenen Voreingenommenheiten, Vorurteile, Parteilichkeiten und Neigungen bewusst sind, während sie Entscheidungen treffen. Es geht darum, sich einig zu sein, die grundlegenden Menschenrechte für alle zu achten und zu wahren.
Johanna: Wie seht ihr das Festival vor dem Hintergrund der aktuellen sozialen Ausgrenzung, all der Kürzungen im sozialen und künstlerischen Bereich und der politischen Lage in Deutschland? Seht ihr irgendwelche Verbindungen, die das Festival herstellen könnte, oder Potenziale oder vielleicht auch Lücken, bei denen ihr das Gefühl habt, dass das Festival zwar bis hierhin reicht, aber nicht weiter?
Balindile ka Ngcobo: Eine der Fragen, über die wir gesprochen haben, war, wie Kunst im Verhältnis zu ihren Betrachtern funktioniert. Wir haben uns intensiv mit politischer Positionierung auseinandergesetzt, welche Belastungen auf das Festival einwirken und wie wir damit umgehen sollten. Diese frühen Gespräche haben uns geholfen herauszufinden, wie wir lokalen und globalen politischen Konflikten und Problemen begegnen wollen. Wir haben auch über die Arbeitsbedingungen der Kunst innerhalb der Prozesse gesprochen. Welche Art von Arbeitsbedingungen entstehen bei einzelnen Produktionen und wie sieht die Ethik dieser Bedingungen aus?
Thusnelda: Es ist offensichtlich, dass sich künstlerische Orte und Organisationen mittlerweile an politische Bewegungen anpassen oder sich zumindest nicht klar dagegen positionieren, aus Angst Gelder gestrichen zu bekommen. Ich bezweifle stark, dass dies der richtige Weg ist. Ich finde, die beste Kompetenz, die es gerade gibt, ist, Räume offen zu halten, um unterschiedliche Leute sprechen zu lassen. Stimmen sollten nicht einfach unterdrückt werden. Ein Auswahlprozess beginnt ja nicht erst mit dem fertigen Festivalprogramm, sondern bereits bei der Frage, wem überhaupt Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, wer gefördert wird. Welche Verantwortung entsteht daraus für ein Festival wie FAVORITEN – gerade in einer Situation, in der die freie Szene um immer weniger Ressourcen konkurriert?
Johanna: Wenn man diese Verantwortung nun auf den konkreten Auswahlprozess herunterbricht: Wie habt ihr entschieden, welche Arbeiten und welche Perspektiven in diesem Festival sichtbar werden sollen?
Valerie: Das Festival versucht, die Vielfalt der Freien Szene in NRW zu präsentieren. Daher bietet das Programm die Möglichkeit, sich intensiv mit der Lebendigkeit der Szene in ihrer ganzen Vielfalt auseinanderzusetzen. Es war uns sehr wichtig, die Szene so widerzuspiegeln, ohne dabei den Gedanken einer „Best-of-Auswahl“ zu verfolgen, auch wenn der Name des Festivals ein wenig in diese Richtung deutet. Bei der Auswahl der zu zeigenden Werke ging es darum, im Dialog mit der Szene zu stehen und zu ergründen, was dort in Bezug auf Ästhetik, Produktionsweisen und Ressourcen aktuell und dringlich ist. Vor allem aber haben wir viel darüber diskutiert, für wen das Festival eigentlich gedacht ist.
Balindile: Ich finde, das ist ein sehr guter Punkt, diese Frage, für wen dieses Festival gedacht ist. Es stellte sich immer wieder die Frage, was unser persönlicher Geschmack ist und was hingegen das Beste für das Festival wäre. Wir mussten immer wieder hin und her wechseln: nicht nur eine Vielzahl von Fragen innerhalb der Gruppe aushandeln, sondern auch mit uns selbst als Individuen. Was gefällt mir und warum gefällt es mir? Warum habe ich Vorbehalte gegenüber etwas?
Thusnelda: Außerdem ist FAVORITEN in seiner programmatischen Auslegung sehr vielseitig – und genau darin lag teilweise auch die Schwierigkeit. Es war nicht immer einfach, die unterschiedlichen Aspekte und Anforderungen des Festivals miteinander auszutarieren. Offensichtlich fehlen am Ende nun bestimmte Genres und Positionen im Programm. Deshalb stellt sich für mich im Rückblick die Frage, wo Kuration ihre Prioritäten setzt, oder aus organisatorischen Abhängigkeiten auch ungewollt setzen muss. Für uns war die wichtigste Frage: Welche Werte vertritt ein Festival?
Khadidiatou: Es war wichtig zu erkennen, ob eine Produktion neue Zielgruppen ansprechen würde, die vielleicht noch nicht mit FAVORITEN vertraut sind. Denn wir interessierten uns nicht nur für die Themen, mit denen sich die Künstler*innen befassten, sondern legten den Schwerpunkt auf die handwerkliche Qualität und die Innovation. Während des Prozesses hielt ich Ausschau nach Werken, bei denen ich vielleicht sagen könnte: Nun, das entspricht zwar nicht meiner persönlichen Ästhetik, es ist nicht mein persönlicher Geschmack, aber ich kann den Wert darin erkennen.
Johanna: Wie seid ihr mit diesem Konflikt zwischen persönlichem Geschmack und den übergeordneten Interessen bzw. Visionen des Festivals umgegangen?
Balindile: Als wir alle Arbeiten sichteten, hatten wir ein spezielles System, um sie zu bewerten. Mindestens zwei von uns sichteten ein Stück. Dann gingen wir unser Bewertungssystem durch und markierten die Werke rot (für „nein“ – Stücke die wir nicht innerhalb unserer Kriterien für das Festival sehen), gelb (für „vielleicht“) oder grün (für „ja“). So kam es vor, dass wir bei diesen ersten Bewertungen an entgegengesetzten Enden des Spektrums standen. Das bedeutete, dass wir uns mehr Zeit nahmen, um zu diskutieren, ob die gesamte Gruppe das jeweilige Stück begutachten sollte. Das war sehr hilfreich, denn ich glaube nicht, dass wir bei den meisten Produktionen einen Konsens erzielt hätten. Indem wir intensiv darüber sprachen und bestimmte Themen oder Ideen rund um das, woran wir glaubten, aushandelten, konnten wir auch bestimmte persönliche Standpunkte loslassen.
Valerie: Das war das Verfahren, nach dem wir bis zur Liste der 75 Werke vorgegangen sind: Wir haben zwischen drei Farben gewählt und dann geprüft, wo wir uns einig waren und wo unsere Meinungen auseinander gingen. Auf dieser Grundlage haben wir entschieden, ob wir ein Werk weiter diskutieren oder es fallen lassen. An unserem letzten gemeinsamen Tag, als wir die Liste an das Produktionsteam übergeben mussten, haben wir die 75 Arbeiten auf 25 eingegrenzt. Letztendlich kam es auch auf Zeit und persönliche Ressourcen an. Als Beirat haben wir eine schriftliche Bewertung der verbleibenden Werke abgegeben und die endgültige Entscheidung darüber, welche der 25 Werke es ins Festivalprogramm schaffen würden, an Rika und Jonas übergeben. Dennoch hatten wir das Gefühl, dass es sich um eine Entscheidung handelte, an der viele Stimmen beteiligt waren. Wir vertrauten darauf, dass sie unsere Beobachtungen, Fragen und Anmerkungen nicht außer Acht lassen würden, erkannten aber gleichzeitig ein umfassenderes Verständnis von Rika und Jonas des Festivals an, einschließlich finanzieller Belange und ihrer Koordination mit verschiedenen Partnern sowie der Stadt Dortmund. Denn wir müssen nicht nur die eigene Entscheidung vor einer Stadtgesellschaft vertreten, sondern stehen in diesen Prozessen in einem Kollaborations- und Abhängigkeitsverhältnis zu größeren Institutions- und Finanzstrukturen, denen wir immer auch Rechenschaft ablegen müssen.
Johanna: Es geht bei der diesjährigen Ausgabe auch um Begegnung und Gastfreund*innenschaft, sowohl künstlerisch als auch zwischenmenschlich.Wenn ihr nun auf den gesamten Prozess blickt: Was sollte FAVORITEN durch diese Form der Kuration ermöglichen – für die freie Szene und für die Stadtgesellschaft?
Rika: Von Beginn an war es uns wichtig, dass das Zusammenkommen und das gemeinsame Feiern ein integraler Bestandteil des Festivals sind. Darüber hinaus möchten wir Formate in der Stadt verankern, die auch Menschen ansprechen, die zufällig vorbeikommen und eingeladen werden, zu bleiben. Das Festival soll mit dem Alltag der Dortmunder*innen in Berührung kommen und auch Menschen erreichen, die bisher keinen Bezug zum Festival hatten. Diese kuratorischen und konzeptuellen Ansätze von uns gelten sowohl für das FAVORITEN Fest und das Rahmenprogramm als auch für die Programmauswahl. Für das Rahmenprogramm und das künstlerische Programm standen uns allerdings sehr unterschiedliche finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Uns war wichtig, das Kernbudget für die künstlerische Auswahl vollständig den Künstler*innen und ihren Produktionen zukommen zu lassen.
Jonas: Uns ist wichtig, FAVORITEN einerseits als professionelles Festival zu sehen, wo klar ist, es gibt handwerklich gut gemachte Stücke. Andererseits versuchen wir, die Inhalte und Ansätze niedrigschwellig zu kommunizieren. Die kuratorischen Ansätze des Festivals fußen damit insgesamt eher auf Kooperation, Kollaboration und Kommunikation und weniger auf einer inhaltlich-ästhetischen Agenda.
Programmbeirat:
Khadidiatou Bangoura
Khadidiatou Bangoura ist eine in Köln ansässige Tänzerin & Choreografin und Leiterin von KHARABA & GUESTS. Nach dem Studium der Internationalen Beziehungen in London folgte ihre Tanzausbildung bei Danceworks Berlin und im Tictac Art Centre Brüssel. Zu ihren Werken zählen „FÜHL DIE WELT DURCH MEINE HAUT – Observations on everyday racism“, „LIFE IS A JUNGLE – eine Tanzperformance für blindes, sehbehindertes und sehendes Publikum“ und „PINKE PINKE – eine poetische Reflexion über Geld ab 8 Jahren“. 2024–25 war sie künstlerische Co-Leiterin des Sommerblut Kulturfestivals.
Thusnelda Marín Jungmann
studierte Szenische Künste in Hildesheim sowie Musical in Osnabrück. Thusnelda lebt als freiberufliche*r Performer*in und Dramaturg*in in Köln, wo sier sich momentan in deren Masterthesis (Tanzwissenschaft) – mit Auslandsaufenthalt in Bern/Expanded Theater – mit Audiodeskription im Aushandlungsfeld von Access & Ästhetik beschäftigt. Abseits künstlerischer Lohnarbeit arbeitet sier ehrenamtlich bei der feministischen Rechtsberatung „Feminist Law Clinic“. Außerdem ist sier als Journalist*in bei Theater der Zeit und tanz beschäftigt.
Balindile ka Ngcobo
Balindile ka Ngcobo (sie/ihr) ist eine südafrikanische Performerin, Dramaturgin, Autorin und Wissenschaftlerin. An der Ruhr-Universität Bochum ist sie Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe „Dramaturgies in the Afterlife of Violence“. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie Performancekunst Schwarzafrikanischer und diasporischer Künstler*innen im Nachgang zu kolonialen Ausstellungen und entwickelt neue Vorstellungen von der Darstellung des schwarzen weiblichen Körpers und des künstlerischen Schaffens. Balindile hat einen Master-Abschluss in Theater & Performance von der Universität Kapstadt und einen Bachelor-Abschluss von AFDA, der führenden Filmschule des afrikanischen Kontinents.
Valerie Wehrens
Valerie Wehrens (keine Pronomen) ist Tanzdramaturg*in und begleitet Choreograf*innen und Performance-Schaffende als kritisch-kreative Dialogpartner*in. Mit Wandering Dramaturgies hat Valerie gemeinsam mit Mona De Weerdt eine Plattform für dramaturgisches Wissen aufgebaut, die als Website und Printpublikation im Oktober 26 veröffentlicht wird. Valerie co-hostet die Initiative TakeMoreCare mit monatlichen Treffen für künstlerische Reflexion und Feedback und widmet sich in eigenen Schreibprojekten (WORDSCAPES, assembly of ghosts) performativen Settings der Begegnung von dramaturgischem Denken und Text. Jenseits künstlerischer Lohnarbeit arbeitet Valerie Teilzeit in einer sozialen Einrichtung mit minderjährigen Geflüchteten und ist im Queer Lapdance Collective und der Stadtteilgewerkschaft Gemeinsam für Mülheim organisiert.